Manche Reviews schreiben sich von selbst. Bei dem Debut (das sich nicht wie eines anfühlt) „Real Recognize Real“ kann ich keinen Kritikpunkt finden. Auch nicht mit Lupe. Was zusammen gehört, findet sich. Im Falle des Linzers Def Ill und des Wahlwieners Digga Mindz war dieser Umstand eine Wiederbelebungsmaßnahme deutschsprachigen Raps. Mit 18+ Tracks und einem wunderschönen Albumcover von Manic entschädigen sich Def Ill und Digga Mindz aka Ill Mindz Ende 2011 für eine recht lange Wartezeit.
Prediger Mindz übertrifft sich einmal mehr in seinem kreativen Schaffen. So zerfetzt mir das [1] Intro zur Einstimmung (auch in mp3-Qualität) gleich mal die Boxen. Ehrwürdige Features finden sich auf „Realize" [4], der Representer zum Albumtitel, bei dem die Dancehall-Komplizin des Governor General Rugged, Alice Harper, den tragenden Chorus eingesungen hat. Außerdem auf Track [14] 5 Finga und [3] wo Stixx den Beat zerfickt.
Spätestens bei [5] „Nicht" fragt man sich - euda woher bekommt Digga diese geilen Samples? (Zu dieser Nummer gibt es auch ein Video) So auch bei „Warum" [10]. Die Stimme des Linzer Wunderkindes ist hier so „ruff", dass man eine Angina oder eine Recordsession um 8 in der Früh vermutet - und sie passt perfekt zum zurückhaltenden Beat. Digga ist ehrlich und sympathisch wie nie - „Manchmal nachts bin i woch und lieg schweißgebodet do, rauch a bissl Gros und beobacht wie mei Freindin schloft". „De Wohrheit" [6] beginnt passenderweise mit einem Azad-Cut und auch das Sample hätte zur Thematik nicht besser gewählt werden können. Nebel und Gruselgeister im Wald. Die Nazianspielungen von Def Ill sind mehr oder weniger abstrakt verpackt und auch der gebürtige Kärntner spendet einen politischen Part: „Wir sind unterfordert, mochen irgnda dumme Orbeit, weil der voll korrupte Staat uns unten hötet bis ma gstorben san". Bei [11] „I schreib" fällt, neben dem extrem orgen Beat, vor allem eins auf: Def Ills Fähigkeit den Hörer mit in seinen Abgrund zu reißen. Worte werden Bilder, und Bilder werden Filme. Es scheint außerdem eine Parallele zu Torchs „Ich hab geschrieben" zu existieren, quasi eine zeitgemäße Reinkarnation des für immer Classics. Digga ist hier ungewohnt aggressiv und prescht mit seinen Lyrics über den göttlichen Engelsgesang. [18] „I arina mi" - mein Favourite - hier bin ich froh, dass ich den anfänglichen Schmerz beim Hören dieser sehr mitreißenden Nummer (Video) bereits überwunden habe und sie nun endlich 100 mal hintereinander hören kann. Der bewegendste Track des Albums, in dem die beiden Rapper die Schicksalsmomente ihres Lebens Revue passiern lassen. Def Ill: "Und i erinner mi an jenen Tog, wo ma a Junkie an Hunderter geben hot, waun i erm das Versprechen moch, dass i nie Kinder oder a Mädl schlog. Dass i die Finger von den harten Drogen loss, dass ka Nodel mei Venen durchlocht." Leben, Liebe, Bereunisse und Rückschläge. Das mögen jetzt keine neuen Topics sein, aber selten habe ich diese Idee so gut ausgeführt gehört. Ich würde sogar so weit gehen, die Emotionalität (wieder) mit den Sternschnuppentracks von Torch's „Blauer Samt" zu vergleichen. Auch wenn die beiden representen par exellence macht dieser ehrliche Style die Nummern zu den Juwelen der Ill Mindz.
Zusammenfassend fällt auf, dass Digga Mindz auf "Real Recognize Real" spielerischer Flows einsetzt und langsam mit seinem Talent im Producen, das man sich in der Form eines Riesens, der einen Schatten über alles Vorhandene wirft vorstellen kann, auf Augenhöhe kommt. Um die Beats anderwertig zu beurteilen habe ich zuviel Ehrfurcht vor ihnen – sie klingen für sich selbst. Dasselbe gilt für die Raps. Die Jungs haben die gesamte Palette des HipHops drauf – von Battlelyrics zu Politischem, von Tragik zu Drama. Dabei ist auch der unverbesserliche Stil des Def Ills, trotz stimmiger, stimmlicher Vielfalt, gefestigter und unverkennbar geworden. Die beiden haben es geschafft, ein zeitloses Album zu schaffen, dass sobald es auch auf Vinyl erschienen ist, hoffentlich für immer zwischen den amerikanischen und deutschen Classics der echten Fans leben wird. Unterstützt diese grenzgenialen Künstler, die ihr ganzes Leben diesem Scheiß "opfern".


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