Am Nachmittag des 10. 6, 2008 traf ich mich anschließend an das DJ Premiere und Blaq Poet Interview (die anderen Journalisten von Okto TV, Puls TV usw. kannten Stieber Twins gar nicht) mit den sehr sympathischen Stieber Zwillingen (Jahrgang 1972), Martin und Chris und dem Special Guest Aphroe, um über alte Zeiten, Hip Hop und Gut und Böse zu sprechen.
Ihr seid jetzt schon sehr lange dabei, habt eine lange Pause gehabt und letztes Jahr mit La Familia am Splash euer Bühnen Comeback gefeiert. Heute seid ihr für ein exklusives Showcase in Wien, wird es jetzt wieder öfters Gigs geben bzw. was erwartet uns heute?
MS: Wir machen eigentlich die Show die wir immer machen, wir haben eine Pause die zieht sich quasi schon quer durch unsere Lebenslaufbahn, mal tritt man auf, mal tritt man weniger auf, wir haben ja auch ein Dj Team, der Chris is Vater, ich bin Schuhverkäufer und wir versuchen halt unseren Spaß dabei zu haben und ne gute Show hinzulegen. Und wenn uns die Leute haben wollen mit dem Fenster zum Hof Shit, dann machen wir das.
CS: Ja wir haben auch heute jemanden speziellen mitgenommen, Freund von La Familia: Aphroe (Ruhrpott AG; Anm. d. Redaktion). Er steht nicht auf dem Flyer, was das ganze interessanter macht, finde ich, das ergibt im ganzen ein sehr nettes Paket, wir spielen ein paar alte Songs, von Aphroe auch ein paar ältere und ein paar neuere Songs. Im Rahmen dieser Veranstaltung, wo es ja auch um die Essenz der Kultur geht, Breakdance, Graffiti, Djing usw... transportieren wir den Old School Gedanken ganz gut, finde ich. Das war ja auch immer unser Anliegen, wir kommen ja von der Subkultur Hip Hop, wir leben das, das hat uns geprägt und wir können auch gar nicht anders. Deswegen sind wir heute hier. Wien ist ja eine wunderschöne Stadt, wir sind auch alle reifer geworden, ich sehe Wien heute mit ganz anderen Augen als vor 10 Jahren als wir hier mit Cora. E das Video gemacht haben. Wir haben auf jeden Fall viel Spaß und den versuchen wir heute Abend zu transportieren.
Fragen an alle 3: Wir sind heute auf einer Veranstaltung wo der Augenmerk auf den Wurzeln, den Ursprüngen, den 4 Elementen von Hip Hop liegt, wie seht ihr die heutige Entwicklung sowohl national auch als international, wo doch Hip Hop immer mehr kommerzialisiert wird?
CS: Torch hat ja auch schon 1992 ne Platte rausgebracht wo er über die Kommerzialisierung gerappt hat, er bzw. sein Geldbeutel hat ja auch persönlich davon profitiert, da hat man das ja auch alles gerne in Kauf genommen und sich nicht beschwert dass die Subkultur als solche nicht mehr existiert. Es herrscht einfach eine extreme Ambivalenz, deshalb haben wir auch bei diesem extremen Boom so um 2000 mit „Malaria“ (1999 Malaria (feat. Samy Deluxe und Max Herre, 12″, MZEE , Anm. d. Redaktion) noch einmal ein Statement gebracht und uns selbst auch aus der „Szene“ herausgenommen, denn da fing es dann wirklich an kommerziell zu werden. Hip Hop ist wie eine Sinuskuve, es geht auf und ab, und wenn sie unten ist, bzw sich am absteigenden Ast befindet, ist es immer die interessanteste Zeit, denn dann kommen neue Sachen raus.
Aphroe, die Szene kennt dich als lyrisch versierten Rapper, heutzutage verkaufen Rapper mit einem „weit niedrigeren Skill-niveau“ weit mehr Platten. Was denkst du darüber?
A: Es hat sich halt verändert. Es gibt immer noch im Underground viele Nachwuchsrapper die sehr viel Wert legen auf Sprachversiertheit und individuellen Style, aber die haben halt keinen Erfolg. Bei den Leuten ist „Stumpf ist Trumpf“ die Devise, die wollen halt simple Sachen, und leider ist es so, in allen Bereichen wo Kreativität gefragt ist, der der seinen Kopf anstrengt sitzt auf einem verlorenen Posten.
Aber ist das nicht irgendwo traurig? Ist das die Realität?
CS: Jeder Mensch hat die Wahl, es gibt Leute da weiß man dass man auf einer Wellenlänge ist, Humor zu haben, Selbstironie, sich selbst nicht so ernst nehmen, du bist nur eine kleine Facette des großen Ganzen, und Kritik muß man auch nicht immer persönlich nehmen, sieh die Stiebers sind jetzt auch nicht diese super Doppel-Reim Künstler, wir stehen halt für eine Aussage am Schluss, das ist auch ganz wichtig im Hip Hop, wenn du das Buch zuschlägst musst du sagen können: okay ich hab ein Fazit, oder das vergesse ich zumindest nicht und genau darum geht’s! So auch bei nem Piece wo man sagt: Wow!, und jeder hat auch die Möglichkeit dieses Wow! für sich selbst zu definieren. Die Breite Masse wird es halt immer geben und die breite Masse ist...
MS: dumm...die breite Masse ist dumm. Das sind halt alles Rudeltiere.
CS: Das Individuum zählt, bei Rap und bei Hip Hop, und da kann sich dann jeder die Person aussuchen auf die er halt Bock hat. Und klar Promo, da lässt sich jeder davon beeinflussen, wenn du etwas lange genug vorgehalten bekommst ist es plötzlich Zeitgeist, kriegst du so lange vorgegaukelt, bis du es selbst gut findest. Was ist gut was ist schlecht, das ist immer so ne Sache.
Was konkret gefällt euch persönlich zurzeit?
MS: Wir hören eigentlich so gut wie gar keinen Deutschrap.
CS: Ich kann nur sagen was heute bei uns im Auto lief: Das war die neue von Pharoahe Monch (Desire, Anm. d. Red.), die ist gehaltvoll, lyrisch, musikalisch, die ist intelligent, nicht zu abgezirkelt.
MS: Musik ist heutzutage leicht gemacht, früher war es total schwer Musik zu machen, ein riesiger aufwand. Heute hast du nen Laptop am Schoß, Phrequincy hat ein Studio das ist 20 mal 20 Zentimeter groß, das wars, das ist ja auch schön, auf der anderen Seite scheiße. Es sollte auch Leute geben die den Geldbeutel aufmachen und sagen, mir liegt was an der Sache. Wir haben damals 10.000 Mark hingelegt für unseren ersten Sampler. Ist halt alles schnell gemacht, schnell vermarktet, und an den Mann gebracht, aber genau so kurzlebig ist es halt auch.
Am Beispiel von K.I.Z., viel gehypt und kommerziell erfolgreich, ein neuer Wind in der Szene, was haltet ihr davon?
MS: Mir fehlen dabei die Rahmenbedingungen, die Typen machen Party, da freut sich der Veranstalter, die Leute, da geht was ab, aber wenn du mal hörst, wie die flowen, was die dabei sagen, und erzählen, und wie die Musik ist, dann ist mir das zu kurz.(...weitere Kommentare wurden in Absprache mit dem Künstler zensiert)
Was gibt es bei euch für Projekte in der Zukunft?
CS: Ich steh das sehr sportlich. Ich und mein Bruder möchten sich mindestens einmal pro Woche treffen und dabei musikalisch hantieren. Man lebt ja auch als Mensch in verschiedenen Facetten, einmal hast du die Musik, andererseits musst du im Job deinen Mann stehen, einmal bin ich Rapper auf der Jam heute, morgen bin ich wieder Familienvater, das muß man halt alles gut hinbekommen.
Wann gibt es wieder etwas von Aphroe?
A: Ja ich habe ein Album in der Pipeline, da sind auch schon ältere sachen von vor 3 Jahren dabei aber auch neues Zeugs, das ganze wird „Kavaliersdelikt“ heißen, www.myspace.com/mcaphroe , da kann man mal ein paar Tracks hören und heute abend gibt’s auch ein paar sachen auf die Ohren. Wird auf jeden Fall was passieren. Für mich auf jeden Fall wichtig den Job weiter zu machen, Geld zu verdienen, und das nebenbei mit viel Passion weitermachen, ich habe lange gebraucht zu kapieren dass es so besser ist, und jetzt ist es besser.
Ein wunderschönes Schlusswort! Danke für das Interview und viel Spaß bei der Show!
Die Stieber Twins legten eine solide, nostalgische Show hin, „Malaria“ und „Fenster zum Hof“ inklusive und zeigten dass ihre Musik weder an Wert noch Aktualität im Laufe der Jahre verloren hat und das Album „Fenster zum Hof“ ein Stück Zeitgeschichte darstellt. Auch Aphroe konnte mit einer Mischung aus noch unveröffentlichtem und bekanntem Material die Crowd in seinen Bann ziehen und zeigte dass er noch immer einer der versiertesten und lyrisch begabtesten Rapper des Landes ist. Das Publikum war begeistert, wir sind es auch.
(Das Interview mit den Stieber Twins und Aphroe kann man sich in voller Länge auf Play Fm anhören)


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