Der inzwischen eingewienerte Rising Son Gerard MC ist mit neuem Album zurück und hat jede Menge frischen Wind im Gepäck. Ein neues Konzept, ein neuer Produzent, ein neuer Sound? "Blur" klingt reifer trotz der oberflächlich anmutenden Thematik - One Night Out - und wartet mit der einen oder anderen musikalischen Überraschung auf.
Du veröffentlichst bald dein neues Album „Blur". Aus dem Schweizer Umfeld munkelte man etwas vom 13.11.2009 - wann wird es wirklich soweit sein?
Die Veröffentlichung war tatsächlich für den 13ten geplant, da wir aber alle etwas abergläubisch sind und gemerkt haben, dass es dann am bösen "Freitag den 13ten" erscheinen würde, haben wir es 2 Wochen nach hinten verschoben - auf den 27ten. Außerdem gab es sonst auch kleinere Verzögerungen, aber die Freitag-der-13te-Geschichte klingt etwas spannender (lacht).
Unspannende Verzögerungen?
Am Ende läuft halt - wie immer - irgendetwas nicht so wie geplant. Das berechnet man zwar ohnehin aus Erfahrung im Vorhinein dann schon mit ein, aber dann wird man WIEDER eines Besseren belehrt. Was soll´s!
Wie du im Vorfeld schon erwähnt hast, handelt es sich um ein Konzept-Album. Worum geht's?
"Blur"- was ja im Deutschen soviel heißt wie "verschwommen" - wird im Englischen oft benutzt, so von wegen "Last night was such a blur", wenn man exzessiv unterwegs war und sich an Nichts mehr so richtig erinnern kann. Es handelt eben von diesem Ausbruch aus dem Alltag, den man, glaub‘ ich, einfach ab und an braucht. Dieses regelmäßige Betäuben, der wöchentliche Tilt, das Feiern UND: das Heimkommen um 8 Uhr früh, während die anderen gerade in die Arbeit fahren. Dieses unglaubliche Freiheitsgefühl in diesem Moment. Freiheit und dennoch kotzen wollen zur selben Zeit (lacht). Es beleuchtet diese Sachen halt auf mehreren Ebenen: Am Vortag eben tanzen und alles großartig, am nächsten Tag dann Kater und post-alkoholische Depressionen. Und, und, und...
Man könnte meinen, die Ambivalenz des Exzesses ist eines deiner Lieblingsthemen... ;)
Könnte man? Es ist ja auch nicht so, dass es jetzt am ganzem Album um nichts anderes geht, aber kurz vor Fertigstellung hab‘ ich gemerkt, dass sich dieses Thema wie ein roter Faden irgendwie durchzieht. Manchmal offensichtlich, manchmal unterschwellig.
Formulieren wir‘s so: Auf „Rising Sun" gab es den einen oder anderen Track in diese Richtung und nachdem du jetzt ein ganzes Album dazu machst: Ist das ein Thema, dass dich „bewegt"?
Ja, aber doch jetzt nicht dominierend, oder? Oder merk‘ ich das selber gar nicht mehr (lacht)? Gar nicht beabsichtigt. Aber ja, natürlich ist das ein Thema, das mich bewegt, das stimmt schon. Aber so von den Responses her, die ich bis jetzt bekommen habe, spreche ich da anscheinend vielen aus dem Herzen bzw. der Leber. Mehr als ihnen lieb war (lacht)... Generation Blur! quasi.
Du hast bei diesem Album musikalisch Neues ausprobiert, beispielsweise ist ein sehr schräger Beat dabei, der mich an den Song „Blinded by the Lights" von The Streets erinnert, hast aber auch Bedenken geäußert, wie das bei deinen Fans ankommen wird. Warum hältst du das für „schwere" Kost?
Fans?(hüstel) Also das mit "Blinded by the Lights" ist super interessant, weil der Beat von Fid Mella, der den Track "Gelbgrünblau" produziert hat, was übrigens aus polarisiermäßigen Gründen, dann auch gleich das erste Video wird (lacht), eigentlich überhaupt nichts mit dem Song von The Streets zu tun hat, und auch mein Rapflow und alles könnte ja unterschiedlicher nicht sein. Dennoch hat Mella, als er es hörte, auch lustigerweise gesagt: "Ich hab‘ genau dasselbe Gefühl wie bei "Blinded by the Lights"." Toll! Freute mich, immerhin ist das auch einer meiner Lieblingssongs. Äh, also zurück zur Frage (lacht): Ja, ich habe natürlich viel Neues ausprobiert. Vieles ging auch ordentlich schief, und das hat man dann wieder ganz schnell verworfen, aber alles, das geil funktioniert hat, haben wir weiter verfolgt - und das hört man jetzt auch so am Album. Ich persönliche finde es halt GANZ, GANZ wichtig, dass man sich nicht wiederholt. Und das "schwere Kost"-Ding war weniger auf diese neuen Sachen bezogen, sondern eher darauf, dass dieses Mal wirklich jeder Song einen Sinn/ein Konzept hat und es weniger ein Album zum Nebenbei-Hören ist.
Das „Piratenmaterial" kommt aber öfter zu Sprache: kommt das aus der Bewunderung für die Musik bzw. das Album der Streets?
Nicht direkt (lacht). Das kommt eher davon: Als Maeckes in Wien gewohnt hat, haben wir beim Vorglühen sehr oft The Streets gehört. Irgendwann hat er im Vollrausch beim Weggehen 6 Stunden lang nichts anderes mehr als "Das ist Original Piraten Material... Sie hören Gerard MC - lock down your blablabla" geschrien und ist sich dabei irrsinnig witzig vorgekommen (lacht). Drum sagt er es im Intro zu unserer Feature-Nummer und ich greif‘ diesen behinderten Witz oder was auch immer das sein sollte, im Intro bei der Nummer auf, die er produzierte.
Zurück zu etwas Ernsthafterem: Das Album endet tragisch mit der Beerdigung einer Freundin - hast du diesen „Schlusspunkt" bewusst gesetzt bzw. wann hast du dich für diesen Track als letzten entschieden?
Die Sache mit "Was bleibt" ist halt, dass danach einfach kein Song mehr passt. Danach kann man nicht auf Gaudi über den Sinn des Lebens rappen oder vom betrunkenen Heimweg aus dem Club reden. Ganz am Anfang wollt‘ ich den Song eigentlich als Hidden Track drauf packen, aber da er mir unglaublich am Herzen liegt und ich ihn wirklich schön finde, wollte ich nicht riskieren, dass den irgendwer überhört. Vor allem in der heutigen Zeit, wo viele die Sachen per iTunes holen, macht so ein Hidden Track ja keinen Sinn mehr.
„Blur" ist dein mittlerweile zweites Album: Bist du dieses Mal, abgesehen von der Konzept-Geschichte, anders an die Sache herangegangen?
Ähm Jein. Also, erstens sind die Songs, die auf "Blur" zu finden sind, alle ausschließlich in den letzten 2 Jahren entstanden, während auf "Rising Sun" ja Texte zu finden waren, die ich teilweise noch als Schüler mit 16/17, noch in Oberösterreich wohnend, geschrieben habe. Außerdem ist das Album dieses Mal beinah ausschließlich vom 3er-Gespann Fid Mella, Mainloop und Clefco produziert worden, die zwar alle definitiv ihren eigenen Style haben, aber dennoch irgendwie unterschwellig denselben Vibe. Vielleicht liegt es daran, dass alle 3 in derselben Stadt in Südtirol aufwuchsen (lacht). Auf jeden Fall wurde das Album dadurch in sich extrem stimmig. Und ja, sonst.. Man hat eben mehr Erfahrung, weiß, dass man etwa einen Song, bei dem man jetzt ein paar Ideen/ein paar Zeilen gut findet, nicht auf-Teufel-komm-raus fertig machen muss, sondern auch einfach mal die paar Zeilen oder die Idee dann rauspicken kann und woanders dann auch einfügen kann (lacht).
Wie kamst du zu diesem Trio?
Mhm, gute Frage. Also, ich durchforste ja liebend gerne MySpace und solche Sachen nach neuer Musik und da kam ich irgendwann auf Fid Mella, hab ihn angeschrieben und getroffen. Beim ersten Treffen hat er mir halt 15 Minuten so langsame Soul-Dinger vorgespielt und ich hab‘ da etwas verhalten reagiert, weil es nicht wirklich die Richtung war, in die ich gehen wollte. Bis er, ich glaube leicht bepisst (lacht), fragte: "Na, was suchst du denn dann?" und eine wirre Beschreibung meinerseits folgte. Er meinte nur: "ACHSOOOO" - und dann ging‘s Schlag auf Schlag und ich ging auch schon mit einem voll bepackten Memory-Stick heim. Das war so ein Gefühl wie damals bei "Rising Sun" mit Digga Mindz: Passt perfekt. Genau das hab ich vor meinem geistigen Ohr vorgestellt (lacht). Auf Mainloop kam ich auch durch MySpace und wusste damals gar nicht, dass die sich kannten. Clefco hat mich dann einfach so per Skype geaddet und mir einfach totale Banger geschickt. Dann kamen wir auch ganz schnell drauf, dass der die anderen 2 seit früher Kindheit kannte.
Wer ist sonst noch auf dem Album vertreten und wie hast du da die Auswahl getroffen?
Maeckes ist, wie bereits erwähnt, einmal als Feature und einmal als Produzent dabei, ein Beat ist von Saiko und einer von Curse‘ DJ GQ. Mit Flip von Texta habe ich auch eine sehr schöne Nummer gemacht. Das waren eigentlich alles Wunschkandidaten in Sachen Zusammenarbeit als ich mir erste Gedanken zum Album gemacht habe. Ich hätte noch gerne einen Beat von Claud aus der Schweiz drauf gehabt, aber das ist sich zeitlich für dieses Mal nicht mehr ausgegangen, obwohl wir beide gerne was miteinander machen wollten.
Sind Videos geplant?
Erstes Video wird "Gelbgrünblau", das wir in Zürich gedreht haben - in bester Soft-Porno Manier (lacht). Damit wird man definitiv nicht rechnen und man wird es definitiv mit einem Augenzwinkern anschauen müssen. Und dann wird man es lieben oder hassen. „I hob ka Miiiittttttn", wie da Falco sagen würd‘. Und ja... Es ist eigentlich auch schon ein 2tes Video fertig, das aber nicht polarisieren sondern NUR gehasst werden wird (lacht). Da überlegen wir halt, ob wir uns den Internet Hate antun wollen oder ob wir das nur bei den Schweizern einreichen, damit wir die ganzen Beschwerde-Mails nicht verstehen, weil sie auf schwiezerdütsch sind. Schauen wir... Ist halt eine Kosten/Nutzen Rechnung, die nicht immer aufgeht. Von daher schauen wir, wie das Ganze läuft und dann entscheiden wir, ob wir nochmal Aufwand/Zeit/Geld in ein neues Video investieren.
Gibt es schon fixe Live-Termine?
Im März nächsten Jahres werden wir Prinz Pi bei ein paar Tour Stopps supporten. In Wien am 27.3 in der Szene. Ansonsten immer so nebenbei mal und Mitte/Ende des Jahres hoffentlich eine Tour durch die Schweiz.
Was Aktuelles: Lange Zeit war es ruhig um die Frauen in Österreich. Mit MTS haben sich wieder ein paar Mädels aus dem „Untergrund" ans Mic gewagt - wie gefällt dir diese Entwicklung?
Sehr gut. Aber das hat nicht zwingend damit zu tun, dass sie Mädels sind, sondern ich finde es grundsätzlich cool, wenn sich was tut in Österreich.
Woran liegt es deiner Meinung nach, dass so wenige Frauen überhaupt Interesse am Rappen (also nicht nur an der Musik) zeigen?
Naja, diese Frage kommt zwar standardmäßig immer auf, aber: Rap ist halt doch etwas prinzipiell sehr Maskulines, glaub‘ ich. Rapperinnen wie Nina MC damals haben meiner Meinung nicht wirklich verstanden, dass ihre große Stärke darin gelegen wäre, etwas aus "weiblicher" Sicht zu beleuchten. Stattdessen ist sie mit weißem Unterhemd in einem Käfig herumgesprungen und sowas. Die wenigsten Frauen haben sich dann wahrscheinlich mit sowas identifizieren können. Ich bin ja keine Frau, ich kann das also nicht so gut beurteilen, aber durch die Medien wurde halt jetzt lange dieser "Wer hat den größeren Schwanz"-Rap präsentiert und damit haben wohl wenige etwas anfangen können. Mich würde wahrscheinlich auch keine Musikrichtung interessieren, von der ich glaube, dass es zu 90 Prozent drum geht "Wer hat die schönere Muschi?" Mhm oder vielleicht doch (lacht).
Und noch was aus der Gerüchteküche: Mit Appletree verband dich früher eine gewisse Rivalität, die im Track „Whobert" ‚gipfelte‘. Mittlerweile hört man, dass ihr sogar daran denkt, zusammenzuarbeiten. Ist da etwas dran?
Darauf wurde ich auch schon mal angesprochen... Keine Ahnung, woher das kommt. Def Ill, er und ich waren ja damals vor 298472376 Jahren so ungefähr im selben Alter und somit „Die Rapper, die so jung sind". Aus kindlichem Leichtsinn gab‘s dann damals was von mir und dann halt mal was von ihm - das zog sich eine Zeit mit leichten Seitenhieben hi und da. und dann artete alles aus: Er beschimpfte diesen Whobert, welcher für mich Familie war. Das war eine Linie, die er überschritten hatte. Vielleicht macht er ja ein Lied mit Whobert, keine Ahnung, hab‘ den schon länger nicht mehr gesehen.(lacht)
Familienstreit?
Eigentlich nicht. Vielleicht meldet er sich ja nicht mehr, weil er jetzt mit Appletree chillt. Wer weiß.
Also gut, anything else?
Vielleicht gibt‘s von mir jetzt einen Whobert-Diss-Song!
Das Album ist vorbestellbar bei Amazon.de.
Album Video-Trailer auf YouTube.
Snippet bei Soundcloud:


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