„Jeder ist jetzt Manager, MC oder Producer, weil er irgendeinen Dreck im Takt zusammenschustert" Retrogott
Musikschaffen bleibt nicht exklusiv. Früher hat man sich damit abgefunden, dass man entweder selbst Musiker war und von „Gott" „Talent" in die Wiege gelegt bekommen hat, oder man war „nur" Hörer (das eine kann das andere nicht ausschließen). In einer Zeit, wo es bei Musik noch um Qualität (und viel Geld für aufwendige Produktionen) ging, reichte es nicht aus, einfach nur schön zu sein. MTV und Auto-Tune war noch nicht erfunden. Richtig gute Produktionen fanden und finden auch heute noch ihre Hörerschaft. Video killed the Musictalent. Eine scheinbare Akzeptanz der Geschmacklosigkeit. Die Masse*? Der war das egal, die „Masse" hat damals das Talent nicht registriert und registriert heute auch nicht das fehlende. Gekauft bzw. gesaugt wird/wurde, was „angesagt" ist/war.
Vom Basement bis zur Timeline
Mit dem Internet öffneten sich neue Wege der Distribution, diese revolutionierten dann im Endeffekt auch Step 1 - die Entstehung der Musik, den Umgang mit der Kreativität. Plattformen von MySpace über YouTube über Facebook bis hin zu Soundcloud demokratisierten ein einstiges Privileg. Jeder konnte das werden, mit dem uns der Kapitalismus* schon immer, wortwörtlich, an der Nase herumgeführt hat - ein Star. Das ist natürlich rechnerisch nicht möglich, zumindest nicht in dem Sinne, wie gemeinläufig „Stars" leben, mit viel Geld, großen Häusern und tödlicher Aufmerksamkeit. Aber auch ein „Untergrund-Star" ohne Kohle wird man nicht leicht. Wenn jeder etwas produziert, wo bleibt dann die Zeit/der „Nerv" anderes zu beurteilen? Mittlerweile wird mehr geschrieben, als je gelesen werden kann. Mehr Musik gemacht, als je gehört werden kann. Mehr Flickr-Fotos gepostet, als es fotografierwürdige Momente in einem Leben gibt. Aufmerksamkeit = Zeit = Geld? Gleichzeitig führt die Demokratisierung auch zu einer totalen (positiven) Desillusionierung - es gibt mehr als 50 Leute, die dieses oder jenes drauf haben, es sind Millionen (Und ich bin dann sicher auch einer davon!). Was unterscheidet dann noch einen Star* vom Pöbel? Das bessere Equipment/Geld? Der stärker ausgeprägte Größenwahn/Narzissmus? Die bessere Ausbildung/der bessere Zugang zum Markt? Oder die Schönheit/soperationen/gut bezahlten Retusche-Graphiker?
15 Minutes of Bullshit
Der Spruch, den Warhol wohl am meisten bereute von sich gegeben zu haben, ist Schwachsinn. Eine Fehlinterpretation der Aussagen des Medientheoretikers Marshall McLuhan, der bereits in den 60ern "das globale" Dorf prophezeit hatte. Da Warhol von Fragen darüber so genervt war, änderte er ihn einfach in: "In the future 15 people will be famous" geändert. (Anm. Haha!) Fame. Ein im HipHop-Kontext bereits recht verstauber Begriff. Clicks. Auch nicht mehr aussagekräfitg. In der österreichischen HipHop-Szene gab es aber gefühlt immer schon mehr Schaffende* als Passive*. Der Großteil wirklich mies. Die Talentierteren* wurden/werden von den Schwächeren* angehimmelt, oder bis aufs Blut gehasst. Die „Talentierteren" feier(te)n sich selbst und wenige andere Talentierte. Natürlich schließen sich auch gern die Wacken* in einer Gruppe zusammen und feiern sich gegenseitig, kommt aber glaube ich, seltener vor als bei den Talentierten. Als (externer, nicht im Freundeskreis ansässiger) Supporter bist du dann überhaupt der/die Gef*****. Die männlichen werden als „Fanboys" abgetan, die weiblichen als „Groupies" degradiert. Schön blöd, wenn du so dumm bist, ein selbstverliebtes Arschloch zu feiern... „Wir wurden durch das Fernsehen in dem Glauben aufgezogen, dass wir alle mal Millionäre werden, Filmgötter, Rockstars. Werden wir aber nicht, und das wird uns langsam klar!" - Fight Club, die 90er, süß! Facebook* verkauft uns eine an die Zeit besser angepasste Lüge: „Du wirst kein Star - du bist einer. Du kannst ihn selbst erfinden!". Kannst du, aber keine Sau interessiert es... und das wird uns langsam klar!
König in seinem Universum
Eine gute Kreative* zeigt als erstes mit dem Finger auf sich selbst, um anschließend andere kritisieren zu können, ohne sich fehlende Selbstreflexion vorwerfen lassen zu müssen. Schuldig im Sinne der Anklage. Es ist halt zu einfach, dem Sündenbock das Gesicht der „sozialen" (!) Medien aufzusetzen. Wie jedes andere Medium unterstützen sie bloß unsere Großkotzigkeit und bieten jedem mit Internetzugang eine Bühne zur „Selbst"darstellung. Abgeschirmt in den eigenen vier Wänden und voller Hoffnung auf Anerkennung/Aufmerksamkeit/Kritik. Negative ist dabei besser als keine, wenn nicht sogar die einzige Form der Kritik im Web. Positives? Gerne, meist aber dann von Freunden/befreundeten Künstlern/Menschen, die man sowieso nicht ernst nehmen kann.
Also können wir uns ja gleich zuhause einsperren, etwas produzieren, und es dann selbst anhören. Läuft es nicht darauf hinaus?
*Anmerkung: Die in dem Artikel verwendeten Begriffe und folglich auch verwendeten Wörter sind alle richtig/falsch. Alle Sätze, die gedacht/ausgesprochen werden, die es überaupt gibt, sind gleichzeitig richtig und falsch.
by Rita Pohler








![[Headshots] Everybody is a Star – aber wo sind die Fans? [Headshots] Everybody is a Star – aber wo sind die Fans?](/images/artikel/gossip/sm2/artist.jpg)



